Fein, feiner, FINE?

Heute flatterte mir unaufgefordert die deutschsprachige Erstausgabe des European Fine Wine Magazine in den Briefkasten. Was soll ich dazu sagen? Es ist allgemein bekannt, dass die oberen Zehntausend mittlerweile die oberen Hunderttausend sind, bei gleichzeitigem Schwund der Mittelschicht und rapidem Wachstum der Unterschicht. Überspitzt formuliert bleibt uns in naher Zukunft nur noch die Wahl zwischen Aldi-Wein und Château Petrus. Somit könnte FINE durchaus ein feiner Erfolg werden. Soweit meine streng trocken-analytische Sichtweise.

Fine
Feines FINE: Schlossbesitzer (vor Schloss) machen Weine für Schlossbesitzer

Als fühlender Mensch überkommt mich beim ersten Durchblättern allerdings das kalte Grausen. Die ersten vier (!) Doppelseiten des FINE Weinmagazins sind Werbeanzeigen für Luxusgüter: ist die erste noch voll prollig vom neuen 5-er BMW belegt, wirbt die vierte schließlich -endlich standesgemäß- für fette Motoryachten. Es folgen massenhaft per Computer sterilisierte Fotos von Schlössern, Schlossbesitzern und coolen Fotomodellen, die noch auf ein Schloss sparen. Das einzig mir sympathische Gesicht ziert bezeichnenderweise eine Bierwerbung. Der wohlbeleibte Herr ist ja auch Chef der Sylter Sansibar, in der es immerhin auch Currywurst gibt oder zumindest einmal gab - noch dazu eine richtig gute.

Da bleibe ich hübsch hartnäckiger Verfechter einer gesunden Mittelschicht. Zumindest solange es geniale wie erschwingliche Weine auch für Bewohner von schlichten Mietwohnungen gibt. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Wolf (anonym) - 8. Mai, 10:01

Das finde ich auch eine miserable Entwicklung. Seit 1990, bezeichnender Weise einhergehend mit dem Zusammenbruch des Sozialismus, geht die gesamte Wertschöpfung aus der Steigerung der Produktivität in die Hände der Oberschicht. Anders ausgedrückt, das was die Gesellschaft gemeinsam an Reichtum erarbeitet, landet bei wenigen, die eh schon genug haben, um mit Petrus den Rasen zu sprengen. Die Mittelschicht hingegen musste reale Einkommenseinbußen hinnehmen, sprich sie hat weniger mehr bekommen, als sie mehr ausgeben musste. Die untere Mittelschicht landet demzufolge immer häufiger unterhalb dem Betrag, der nötig wäre, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.
Am schlimmsten hat es die Harz-IV-Nehmer getroffen, die sich eigentlich gar keinen Wein mehr leisten können, weil sie das Geld für den Schulranzen der Kinder sparen müssen. Da lastet man Menschen eine monetäre Vernunft auf, die selbst Besserverdienende kaum einzuhalten schaffen. Das geht natürlich meistens schief und hier von einer echten Unterschicht zu sprechen, halte ich für zwingend, denn alles andere verschleiert das Problem.
Das allerschlimmste daran ist, finde ich, dass uns das ganze eine sozialistische Regierung eingebrockt hat. Da bin ich immer noch sprachlos (und Wahl-los) drüber. Und manchmal schmeckt mir dann noch nicht einmal mehr der Wein.

LarsB - 8. Mai, 10:28

Aber wohin?

Die große Frage ist ja, wie diese Entwicklung zu bremsen ist. Meiner Meinung nach nur mit klassischer Umverteilung: drastische Senkung der Lohnsteuer bei den unteren Einkommen, bei gleichzeitiger Erhöhung der Steuern für Großverdiener. Und Kindergeld wird nur noch an die gezahlt, die es nötig haben, dafür in doppelter Höhe. Dazu noch die Einführung einer Autobahnmaut für PKW nach Schweizer Modell (Plakette) bei adäquater Senkung der KFZ-Steuer, zur Finanzierung der Maßnahmen. Die Idee mit dem Grundeinkommen hat auch seinen Reiz, besonders in Bezug auf die elenden Niedriglöhne, die wohl nicht so einfach verschwinden werden, wie sich die SPD das vorstellt.
Wolf (anonym) - 8. Mai, 11:14

Ja, ein Grundeinkommen oder Bürgergeld fände ich auch nicht schlecht. Es würde viele Probleme auf einen Schlag beseitigen, wobei sich die Soziologen noch über die Folgen streiten. Es gibt leider noch kein Land, das das vorgemacht hätte.
Derzeit müssen unbedingt die Bedingungen der Harz-IV-Leute verbessert werden, dass sie wieder Zusatzanträge für außergewöhnliche Belastungen stellen können: Waschmaschine, eben Schulranzen oder Kinderfreizeit. Die Volksvertreter sollten öfters mit Alleinerziehenden reden, die keinen Job bekommen, oder hin- und wieder eine Obdachlosenzeitung lesen. Unsere immer noch sehr reiche Gesellschaft verlässt derzeit den humanen Weg.
LarsB - 8. Mai, 11:26

Der humane Weg

Die Bezeichnung human gefällt mir in diesem Zusammenhang. Ich stimme zu, gerade die Menschen, die längerfristig auf Harz-IV angewiesen sind (Kranke, Alte, Alleinerziehende), brauchen dringend mehr Unterstützung. Besonders bei den momentan explodierenden Energie- und Lebensmittelpreisen.
Iris (anonym) - 9. Mai, 10:56

Luxus und Sozialkritik?

Hey, feiert Ihr das 40. Jubiläum der 68er Bewegung, dafür seid Ihr doch viel zu jung:-)....

... was den Wein betrifft, so scheint es mir aber (zumindest aus der Ferne und auch wenn ich hier um mich blicke), dass es gerade die Mittelschicht ist, die in den letzten Jahren Aldi, Lidl und co entdeckt hat und sich dort mit billigen Schnäppchen eindeckt - auf Kosten der vielen passionierten kleinen Weinfachhändler, die für mich die Mittelschicht in der Verteilerkette darstellen und oft dann eben auch nur mit Sonderaktionen von Terrassenweinen und, wenn sie Glück haben, ein paar Luxuskunden für Bordeaux und Champagner überleben.

Am anderen Ende stehen dann die Winzer und Weinbauern - da muss die Unterschicht, deren Weine zu o,59€ pro Liter bezahlt werden, dann irgendwann das Handtuch werfen und die Ausreißprämie und anschließend den RMI (revenue minimum d'insertion - so in etwa wie Sozialhilfe, also ca. 400 €) beantragen, die Großkonzerne liefern weiter AOCs und VdPs für den Discounter zu Schleuderpreisen, bei denen es die Masse macht (und fusionieren und expandieren), die Oberschicht oder solche, die gerne dazugehören möchten, ordern weiter ihren Bordeaux - bei Prestigegütern (bzw. den Handelshäusern), die dank Fine und anderer Werbeträger keine Sorge um ihren Bestand haben müssen (oft sind es inzwischen sowieso Banken und Versicherungen oder ausländische Investoren).

Die "Mittelschicht" der Produzenten - oft aufgebrochen aus Leidenschaft für den Wein und mit hohem Qualitätsanspruch, muss sich auf dem, wie Ihr ja richtig sagt, immer kleineren Sektor der Weinliebhaber mit mittlerem Einkommen behaupten - für den Massenmarkt zu teuer, für den Luxusmarkt nicht bekannt genug...

Allerdings scheint es mir, dass dieses Segment von allen gängigen Weinzeitschriften bedient wird. Die meisten Billigweine werden wohl im Internet besprochen und diskutiert - aber sitzt dann wirklich die "Unterschicht" wissbegierig vor dem Bildschirm und twittert?

Wolf (anonym) - 13. Mai, 09:56

Die Unterschicht, also die Menschen, die unter dem Existenzminimum leben müssen (z.B. Harz IV), twittern mangels Internet sicher nicht. Hier wird ja immer wieder die "digitale Spaltung" kritisiert.

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Lars Breidenbach
Texter, Winzer & Weinjournalist

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Wolf (anonym) - 13. Mai, 17:42
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Niko (anonym) - 9. Mai, 15:08
Tschuldigung!
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Iris (anonym) - 9. Mai, 11:00

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