Buchbesprechung

Dienstag, 8. Januar 2008

Außen pfui, innen hui: Die Deutschen und ihre Küche

Das im Rowohlt Verlag erschienene Buch wartet mit einem selten scheußlichen Buchtitel auf. Ich meine damit nicht das Antlitz von Herrn Siebeck, der auch auf der Rückseite des Buches dominant genug gewesen wäre. Die Cover-Gestaltung wirkt einfach billig und wird dem sonst grundsoliden Werk absolut nicht gerecht.

SiebeckAussen

Und gleich auf der Titelseite im Buchinneren stößt der interessierte Leser auf eine schöne Illustration, die an dieser Stelle viel zu klein abgebildet und für einen angemessenen Umschlag wesentlich besser geeignet gewesen wäre. Mein persönlicher Tipp für die zweite Auflage!

Wolfram Siebeck beschreibt auf rund 170 Seiten des 250 Seiten-Werks die Geschichte der deutschen Esskultur und auch dem deutschen Wein wird ein ganzes Kapitel gewidmet. Auf den restlichen Seiten sind Rezepte von typisch deutschen Gerichten abgedruckt. Berühmt berüchtigte Mahlzeiten wie Sauerbraten, Kalbshaxe, Pichelsteiner Eintopf oder "Wilthu geprest Sweinßkoppff machenn". Die Rezepte sind eher Anhängsel zu den Kapiteln des Buches und natürlich gespickt mit den für Siebeck typischen, humorvollen Seitenhieben.

SiebeckInnen

Den hohen Wert des Buches macht aber der Diskurs durch die deutsche Küchengeschichte aus. Auf den großzügig illustrierten Seiten führt uns der Autor von germanischen Geheimwaffen (Zwiebeln, Bohnen und Bier) gegen die römischen Besatzungstruppen, durch Dekadenz und Hunger im dunklen Mittelalter, über die Völlerei des Bürgertums im 19. Jahrhundert, schließlich zur Entstehung der Gourmetküche und Haute Cuisine in unserer Zeit.
Hier brilliert Siebeck, läuft kenntnisreich zur Höchstform auf. "Die Deutschen und ihre Küche" ist ein sehr lehrreiches Buch über unsere Geschichte und führt vor Augen, wie eng die Küchenkultur mit den Geschehnissen in Politik, Religion und Kunst verwoben war und ist. Eine intelligente und zugleich vergnügliche Lektüre.

Samstag, 6. Oktober 2007

Stuart Pigott: Wein spricht deutsch (2/2)

Nachdem ich mich im ersten Teil der Rezension mit dem Gewicht, dem Umfang und der Optik des Buches beschäftigt habe, folgt hier die inhaltliche Besprechung.

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Am Anfang der 45 Seiten starken Einleitung proklamiert Pigott eine gemeinsame deutschsprachige Weinkultur für Deutschland, Österreich, Südtirol, Luxemburg, die deutschsprachige Schweiz, Liechtenstein und sogar für das Elsass. Dieses Konstrukt steht allerdings auf äußerst wackeligen Beinen. So behauptet der Autor: "Es mag überholt klingen, wenn Winzer so entschieden neuen und alten technischen Gestaltungsmethoden beim Wein den Rücken kehren, aber dieser Geist lebt und ist sogar heute eindeutig spürbarer als noch vor einer Generation. (...) Sicher, "Winemaking" und "Wine-Design" findet manchmal auch hier statt, aber das sind Ausnahmen ... wo dies Programm ist, haben wir es mit drittklassigen Erzeugern oder mit schwarzen Schafen zu tun." Daraus resuliert für Pigott eine Abgrenzung zur Weinkultur der romanischen Länder. Im Kern des Buches findet der kundige Leser allerdings dann einige erwähnte Betriebe, wie zum Beispiel das Weingut Johner vom Kaiserstuhl, die die technische Mostkonzentration per Umkehrosmose oder Vakuumverdampfung zur Erzeugung ihrer Spitzenweine schon in vielen Jahrgängen systematisch einsetzten. Nicht nur hier hinkt die Beweisführung für eine deutschsprachige Weinkultur, die es so sicher nicht gibt, ganz gewaltig. Und sie ist auch schlicht unnötig.

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Denn das Konzept des Buches funktioniert im Grunde ganz ohne das Ausrufen einer gemeinsamen Weinkultur. Es ist ein ungemein fachkundiger und in diesem Umfang noch nie dagewesener Führer durch die deutschsprachigen Weinbauregionen. Das Terroir, die Summe aller Einflüsse auf den Wein, wird von den Autoren gründlichst untersucht. Und sie geben Aufschluss darüber, warum der Wein eines Winzers in einem bestimmten Gebiet so schmeckt wie er schmeckt. Dem Leser wird vor Augen geführt, dass wirklich guter Wein kein beliebiges und seelenloses Massengetränk sein kann. Die Persönlichkeit der Produzenten, das Klima und die Beschaffenheit der Weinberge verleihen dem Wein in erster Linie den Charakter, der ihn auszeichnet. Das sind die Stärken des Werkes, hier haben die 6 Autoren auf 640 Seiten erstklassige Arbeit geleistet.
Sicher fehlen einige Weingüter, die es auch verdient gehabt hätten, erwähnt zu sein. Aber das ist in einer nur subjekt zu treffenden Auswahl unvermeidlich. Entdeckungen guter Betriebe und schöner Weine kann man auch ohne die einschlägigen Führer machen, Wein spricht deutsch ist aber mit dem sehr gut aufbereiteten Hintergrundwissen ein gewichtiger Meilenstein der deutschen Weinliteratur.

Dienstag, 2. Oktober 2007

Stuart Pigott: Wein spricht deutsch (1/2)

Wie gut, dass ich über dieses Buch keine Rezension für ein Printmedium schreibe. Jetzt ist die Bloggerfreiheit meine Rettung. Denn dieses Buch kann man nicht lesen. Genauso, wie man keinen Duden lesen kann. Es ist eher ein Nachschlagewerk und mit 700 Seiten ein äußerst Schwergewichtiges. Also werde ich es in 2 Teilen rezensieren, erst die Oberfläche betrachten und dann in die Tiefe des Buchstaben-Ozeans eintauchen. Wo wir gleich beim nächsten Problem sind: Da ich normalerweise nur abends im Bett oder auf Reisen lese und das Werk definitiv zu schwer ist, um es bei einer Zugfahrt mitzuführen, muss ich mir wohl erst eine Sonderkonstruktion für das gemütliche Lesen des Buches bauen. Denn meine Bauchmuskulatur ist zu schwach als Ablage für Wein spricht deutsch.

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Auch mein Nachttisch wirkt da sofort unterproportioniert. So habe ich mich mal im Netz nach einem passenden Lesesständer umgesehen: Den book-holder sollte der Scherz Verlag am besten gleich im Paket mit dem Buch anbieten. Das ist sicher etwas kostspielig, aber es soll ja auch Leute geben, die 300 Euro für eine Flasche Bordeaux ausgeben, der noch gar nicht abgefüllt ist.

Das umfangreiche Gemeinschaftsprojekt von Stuart Pigott, Andreas Durst, Ursula Heinzelmann, Chandra Kurt, Manfred Lüer und Stephan Reinhardt stellt gewiss ein neues Standardwerk für Wein aus dem deutschsprachigen Kulturbereich dar. Die Anbauregionen sind umfassend beschrieben, zu jedem Gebiet gibt es Karten und einen aufschlussreichen Rebsortenspiegel. Die Fotos im Buch sind teilweise erstaunlich schlecht reproduziert, da schließe ich mich voll und ganz der Rezension von Weincasting an. Das ist schade, da viele Motive wirklich mehr Brillanz verdient hätten. Ein klarer Minuspunkt bei einem Buchpreis von 78 Euro. Mutig finde ich das Cover-Foto, botrytisfaule Trauben sind wohl noch nie und vor allem nicht so großformatig auf einen Weinbuchtitel gedruckt worden. Soviel zur Haptik des Buches.
Jetzt werde ich erst einmal an der "Wein-spricht-deutsch-Lesekonstruktion" arbeiten und nach eingehender Lektüre die Rezension mit der inhaltlichen Auseinandersetzung fortführen.

Freitag, 31. August 2007

Wein und Zeit

"Die meisten heutigen Weine sind Konsumware. Im günstigsten Fall sind sie glatt und reintönig, oft genug aber nur bieder ... allenfalls rührselig oder schwatzhaft. Sie dümpeln behäbig auf der Zunge ... Wenn Sie explodieren tun sie es mit der Wucht einer Knallerbse ... Ihnen fehlen Anmut, das Heroische, das Einsame, einfach alles."

WeinundZeit

Der Buchautor, Journalist und Blogger Mario Scheuermann geht mit dem Wein der Gegenwart hart ins Gericht. Er bezieht deutlich Stellung gegen die Anpassung an das Mittelmaß und den Einheitsgeschmack. Und die Hauptübel macht er fest in der Schnelllebigkeit unserer Epoche und der Unterwürfigkeit der Weinmacher an das Diktat des Marktes. Das High-Speed-Zeitalter hat auch die Weinbereitung beschleunigt, in Ruhe und Würde gereifte Weine sind die große Ausnahme - für diese "aristokratischen" Terroir-Weine bricht Scheuermann die Lanze und reitet dabei, wenn es sein muß, auch gegen Windmühlen.
Neue Trends wie der bio-dynamische Anbau werden bissig und mit großem Wortwitz kommentiert: "... ein von keltischen Druiden und anderen vorzeitlichen Schamanen abgeguckter Spökenkieker-Kram." Aber noch im gleichen Kapitel gesteht der Autor: "... ich muss zur Kenntnis nehmen, dass viele Winzer, deren Weine ich sehr schätze, darauf schwören".

Weinzeitspruch

Scheuermanns absolute Stärke ist sicher die Verknüpfung des Weinjournalismus mit Zeitgeschichte, Kultur, Philosophie und Lyrik. Er schafft es mit seinem umfangreichen Wissen und seiner Verkostungserfahrung den vergangenen Epochen und deren Weine neues Leben zu einzuhauchen. Und das ist ein poetisches Lesevergnügen, besonders in den starken zwei Schlusskapiteln des Buches, die sich umfangreich mit der Metaphysik und Mathematik des Weins beschäftigen.
Ein schönes kleines Büchlein für die Zeitreise auf dem Sofa, am besten mit einem flüssigem Stück Zeitgeschichte im Glas als Begleiter! "Wein und Zeit - Von der Kultur des Geniessens" ist ab dem 5. September im guten Buchhandel erhältlich.

Der Schreiber

Lars2007-2

Lars Breidenbach
Texter, Winzer & Weinjournalist

XING

Frisch kommentiert

Klingt sehr spannend...
Klingt sehr spannend :-)
Wolf (anonym) - 13. Mai, 17:42
Die Unterschicht, also...
Die Unterschicht, also die Menschen, die unter dem...
Wolf (anonym) - 13. Mai, 09:56
Filme online abrufbar
Die 3 Filme sind jetzt auch online beim ZDFdokukanal...
LarsB - 13. Mai, 09:44
RosaRote Sonne
und ich kann Dir sagen, die Sache mit dem Wetter war...
Niko (anonym) - 9. Mai, 15:08
Tschuldigung!
beim Verfassen meines Kommentars auf den Fine-Artikel...
Iris (anonym) - 9. Mai, 11:00

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