Wein & Kochen

Dienstag, 22. April 2008

Spargel-Carbonara mit dicken Spaghetti und dreierlei Wein

Endlich animieren die leicht erhöhten Außentemperaturen den Spargel zur verstärkten Triebbildung. Schon stehen die entsprechenden Verkaufsbuden der hiesigen Spargelbarone wie stelzenlose Wachtürme an den Straßen. Ich schwinge mich auf´s Fahrrad und leiste mir den ersten Spargel des Jahres, für 8.- € das Kilo. Das ist der Preis für die etwas krummen Stangen, die Kerzengeraden werden momentan zu 11.- € offeriert. In der örtlichen Winzergenossenschaft besorge ich mir dazu drei Weine, die ich auf ihre Spargeltauglichkeit testen möchte: einen Weiß- und Grauburgunder und einen Müller-Thurgau, allesamt trockene Kabinettweine aus dem Jahrgang 2007.

SpargelweinBlog

Den gründlich geschälten Spargel schneide ich in etwa 2 Zentimeter lange Stücke. In kochendem Wasser mit Salz und Zucker wird der Asparagus officinalis weich gegart. Derweil liegen auch schon die dicken Spaghetti in brodelndem Salzwasser. Höchste Zeit, um die Carbonara anzurühren. Für 2 Personen verquirle ich 3 Eigelb, einen halben Becher Sahne, Meersalz, Pfeffer, eine Handvoll geriebenen Parmigiano und einen Schuss Weißwein miteinander. Jetzt schneide ich noch einige Scheiben Serrano-Schinken in feine Streifen und gebe sie in die Carbonara.

Den Spargel vereine ich nun mit den heißen Nudeln im Topf. Fix die Cabonara über die Pasta gießen, vermengen und mit Salz und Pfeffer abschmecken.

SpargelCarbonara

Was soll ich zum Ergebnis sagen? Die Spargel-Carbonara ist heute Nachmittag spontan meinem Frontallappen, genauer gesagt dem präfrontalen Cortex entsprungen. Das ist Geschmacksknospen-Blues vom Feinsten! Mit Gefühl komponiert, einfach zubereitet und schweinelecker.

Auf zum Spargelwein-Test! Die 3 Kabinettweine besitzen viele Gemeinsamkeiten, sie kommen allesamt sehr frisch und jugendlich daher. Sie präsentieren sich saftig, fruchtig und harmonisch bei schöner Länge. Der Weißburgunder (4,20 €) besitzt die eindeutig fruchtigste Nase (Banane, Weingummi) und überzeugt mit süsslicher, runder Stilistik, ungemein süffig. Der Grauburgunder (4,80 €) zeigt sich sehr seidig im Mund, dazu feines Birnen- und Walnussaroma. Er wirkt trockener als der Weißburgunder, mit kleiner Bitternote im Abgang. Der Müller-Thurgau (3,80 €) ist überraschend säurebetont, mit rebsortentypischer Muskatnote, Heublumen-Bukett und einer leichten Botritysnote.

Die Spargel-Carbonara schreit eindeutig nach den süssen Fruchtaromen des Weißburgunders. Der Grauburgunder scheint eher der klassische Spargelwein zu Kartoffeln und Hollandaise zu sein. Den Müller-Thurgau kann ich mir dagegen hervorragend zu Spargel mit kräftigem Schwarzwälder Schinken vorstellen.

Sonntag, 20. April 2008

Rühren zur Glückseligkeit: Risotto mit Bärlauch

Ein Risotto erfordert 100 % Präsenz in der Küche. Bloß kein Telefonat nebenbei oder ähnliche Ablenkung, sonst ist die Meditation am Herd dahin und das Risotto zerstört. Deshalb rühre ich für mein Leben gerne in Ruhe und mit einem Glas Wein zur Hand ein Risotto zur Vollendung. Für das Bärlauchrisotto nehme ich folgende Zutaten: 1 Tasse Arborioreis, 1 kleine Zwiebel, 2 Esslöffel Olivenöl, 1 Glas Riesling, 1l Gemüsebrühe, 2 Teelöffel Bärlauchpesto und geriebenen Parmigiano.

Die fein gehackte Zwiebel dünste ich auf kleinster Flamme im Olivenöl weich, das kann ruhig 10 - 15 Minuten dauern. Jetzt die Hitze erhöhen und den Reis in die Pfanne geben. Unter ständigem Rühren wird der Arborio kurz geröstet, dann lösche ich mit einem Glas Riesling ab.

Risotto

Den Wein verkochen lassen und mit heisser Gemüsebrühe auffüllen - gerade soviel, dass der Reis bedeckt ist. Beim folgenden Garprozess mit Gefühl auf die Bremse treten, die Kochtemperatur immer so regulieren, dass es in der Pfanne nur sanft blubbert. Jetzt beginnt der Prozess des "Weichrührens": Spätestens alle 2 - 3 Minuten wird das Risotto einfühlsam gerührt. Kurz bevor die Flüssigkeit verdampft ist und der Reis am Pfannenboden ansetzt, fülle ich mit Gemüsebrühe auf. Der Vorgang wiederholt sich so oft, bis der Reis mehlig und noch etwas bissfest gegart ist. Nur noch das Pesto und den geriebenen Parmigiano unterrühren, schnell servieren - perfetto!

Baerlauchrisottoi

Ein fruchtiger Riesling ist meine Weinauswahl zum Bärlauchrisotto und ich werde nicht enttäuscht. Die Aromen spielen miteinander Tennis und setzen sich in ausdauernden Grundlinienduellen gegenseitig gut in Szene. Keiner der Partner dominiert dabei, das ist immer ein gutes Zeichen für eine gelungene Wahl. Nicht nur beim Wein.

Sonntag, 6. April 2008

Im Zeichen des B

Mein Wochenende stand stark im Zeichen des Bärlauchs. Die Kälte der letzten Tage hemmte das Kraut glücklicherweise im Wachstum, nun ist es aber höchste Zeit, um rechtzeitig vor der Blüte zur Ernte zu schreiten. Die Weiterverarbeitung erfolgte prompt und beschäftigte mich heute einige Stunden in der Küche.

Neu ausprobiert habe ich die Bärlauchbutter vom anonymen Koch Claudio. Natürlich ohne Knoblauch und mit Limettensaft. Von dieser sagenhaft schmackigen Kräuterbutter produzierte ich gleich eine Wurst von einem Pfund Gewicht, die nun in der Tiefkühltruhe auf weitere kulinarische Ereignisse wartet, wie etwa einem Steak von der Hochrippe oder Huhn vom Holzkohlegrill.

Baerlauch

Der Vorrat an Bärlauch-Pesto ist nun ebenfalls reichlich gefüllt. Mit heißem Nudelkochwasser erwärmt ist das Pesto mit Linguine, Casareccia, Spaghettini oder ligurischen Trofie ein Pasta-Highlight im Frühling. Meine Pesto-Version enthält neben der Hexenzwiebel nur biologisch angebaute Sonnenblumenkerne, kaltgepresstes Olivenöl, Meersalz und Pfeffer. Im Kühlschrank ist das Pesto in Gläser gefüllt und einer Schicht Öl bedeckt bis zu einem Jahr haltbar. Parmesankäse reibe ich bei Bedarf lieber frisch über die Nudeln. Wenn in den nächsten Wochen der Spargel eine tragende Hauptrolle in meiner Küche einnimmt, sind die wichtigsten Nebenrollen unter anderem mit Erdäpfeln und Bärlauch-Pesto besetzt.

BaerlauchPesto

Welcher Wein passt zum recht scharfen und zugleich dominaten Pesto? Ich tippe auf einen jungen, fruchtigen Rotwein und probiere einen nicht ganz jungen, aber umso fruchtigeren 2005-er Villa Veredus (um 6.- €), ein Vin de Pays de l´Aude aus biologischem Anbau. Der aus Carignan, Grenache und Cinsault gekelterte Wein zeigt sich im Glas in hellem Kirschrot. Intensive, eingekochte rote Beerenfrüchte mit etwas Pfeffer und einer Spur Holz setzen dem Bärlauch-Pesto das entsprechende Feuer entgegen. Bingo, Volltreffer - das ist das optimale Paar für den flotten Zweier.

Mittwoch, 13. Februar 2008

Ein pseudo-ungarisches Gemetzel mit Grand Vin de Bordeaux

Dass Szegediner Gulasch in Ungarn unbekannt ist und der klassischen Wiener Küche entstammt, darüber wurden wir an anderer Stelle schon belehrt. Ich versuche mich unverdrossen an einer Variation des Gerichts nach Altmeister Eckart Witzigmann.

In seinen 3-Sterne-Glanzzeiten weilte ich anno dazumal in der Aubergine zu München, kurz vor dem Kokainfund in der Gewürzschublade des Maîtres. Dort war ich wenig glücklich mit dem Gebotenen, besonders der übereifrige Service und die aus den Lautsprechern dudelnde Kaufhausmusik im kühlen Ambiente des Lokals verdarben mir die Laune. Mehr Vergnügen bereitete mir dagegen sein Kochbuch "Meine Hundert Hausrezepte", erschienen 1986 beim Südwest Verlag. Zwischen feinen, ausgefeilten Gerichten finden sich hier dank Witzigmanns österreichischer Wurzeln auch einige deftige Klassiker und natürlich die legendären Mehlspeisen.

Mit der Rezept-Treue sehe ich es lange nicht so streng wie mit der Treue in partnerschaftlichen Beziehungen, also greife ich als erstes zum Rindfleisch, statt zum meisterlich verordneten Schwein. Ein Pfund aus der Schulter soll es schon sein für 2 gute Esser. Die Fleischwürfel brate ich folgerichtig auch nicht mit Schweineschmalz an, sondern in banalem Pflanzenöl. Zuvor sind 2 große, in Streifen geschnittene Zwiebeln in den Schmortopf gewandert.

Gulaschfleisch

Im Mörser verarbeite ich 2 Knoblauchzehen, abgeriebene Zitronenschale, Kümmel und Meersalz zu einem zähen Brei. Zusammen mit einem Esslöffel Tomatenmark gebe ich die Gewürze zum Fleisch und röste alles schön an. Jetzt zwei Teelöffel edelsüßes Paprikapulver dazugeben und mit gekörnter Gemüsebrühe den Topf auffüllen, gerade bis das Fleisch bedeckt ist. 5-6 Petersilienstengel fliegen auch noch in den Topf, dann köchelt das Gulasch 2 Stunden ganz sachte vor sich hin.

Eine halbe Stunde vor Ende der Garzeit gebe ich 500 Gramm Sauerkraut zum Fleisch, gut abgetropft und logischerweise weder Fertig- noch Dosenware. Jetzt ist die rechte Zeit, um eine halbierte rote Paprikaschote unter der Grillschlange zum Blasenwurf zu zwingen. Der Zweck der Übung: Die Haut muss ab! Das Fruchtfleisch ist nun auch halbwegs gar. Mit dem Pürierstab zerkleinere ich die skalpierte Schote und setzte zum Finale an. Mit dem Paprikamus, Salz und einem Klacks Creme Fraiche wird bis zur Zufriedenheit des Koches gnadenlos abgeschmeckt.

Szedeginer

Als Beilage zum Szegediner Gulasch servierte ich in Butter geschwenkte Petersilien-Kartoffeln, diese Tat bereue ich allerdings im Nachhinein. Schlichtes Weißbrot ist für mein Gusto zum Szegediner die definitiv bessere Wahl. Aber wie sagte schon Helge Schneider: "Lernen, lernen, poppernen! Das ist wichtig, wichtig, poppichtig!".

Schreibe zur Strafe 100 mal: Brot. Und keine Kartoffeln! Brot. Und keine Kartoffeln! Brot. Und keine Kartoffeln! Brot. Und keine Kartoffeln! Brot. Und keine Kartoffeln! Brot. Und keine Kartoffeln! Brot. Und keine Kartoffeln! Brot. Und keine Kartoffeln! Brot. Und keine Kartoffeln! Brot. Und keine Kartoffeln! Brot. Und keine Kartoffeln! Brot. Und keine Kartoffeln! Brot. Und keine Kartoffeln! Brot. Und keine Kartoffeln! Brot. Und keine Kartoffeln! Brot. Und keine Kartoffeln! Brot. Und keine Kartoffeln! Brot. Und keine Kartoffeln! Brot. Und keine Kartoffeln!...

Zeit für ein paar geschmeidige Töne zur Auflockerung:



Also Brot. Und keine Kartoffeln! Aus dem Keller schleppe ich eine irgendwann-einmal-geschenkt-bekommene Flasche Bordeaux heran. Ein 2003-er Tertre du Moulin, Cuvée Millesimée, Saint-Emilion Grand Cru, natürlich ein "Grand Vin de Bordeaux": der Bordelaiser liebste Wortkombination und wahrlich kein Gütesiegel in Sachen Inhalt. Der Begriff "Grand Vin" wird in Gallien wohl genauso oft missbraucht, wie bei uns Germanen das Wort "Qualitätswein".

Bordeaux1

Im Glas erwartet mich ein tief dunkelrot gefärbter Wein mit kirschig-alkoholischer Nase. Dezente Beerenaromen, feste Gerbstoffstruktur, liegt etwas quer am Gaumen, leicht bitter im sonst ordentlichen Abgang. Insgesamt stimmig und nicht ohne Eleganz, der Tertre du Moulin scheint sich auf dem Höhepunkt zu befinden. Kein Grand Vin, aber doch recht gefällig zum meisterlich-verfälschten, pseudo-ungarischen Gulasch.

Donnerstag, 24. Januar 2008

Hühnersuppe, Philosophie und Chardonnay

Wer noch nie eine Hühnersuppe gekocht hat, weiß nichts vom Leben.

Diese provokante These stelle ich einfach mal so in den Raum. Die Zubereitung einer wohlschmeckenden Hühnerbrühe ist für mich elementares Kochen. Wenn ich etwas kränkle im Winter, schwöre ich gar auf die Heilkraft dieses Gerichts. Und die Zubereitung ist ein lieb gewonnenes Ritual, meditatives Arbeiten mit Zeit zum Philosophieren.

Ein Suppenhuhn ist in der Regel eine ausgediente Eierlegerin. Ich stelle mir vor, dass beim Unterschreiten einer bestimmten Quote ein Computer das Todesurteil fällt. Erlös Eier minus Futter- und Energiekosten ist gleich ein minus unter dem Strich: Nummer 3007457 ist nicht mehr produktiv genug. Zack und Rübe ab!

Mich überkommen jedes mal Greuel, wenn Menschen Tiere als Material bezeichnen und es dabei so klingt, als ob sie von Schrauben oder Autos sprechen. Oft ist dieser mangelnde Respekt vor Lebewesen ein Hinweis für einen achtlosen Umgang mit Tieren und der Umwelt. Auch die Gentechnik in der Landwirtschaft ist für mich ein Resultat für die Missachtung der Natur und ihrer Gesetze. Die Unterwerfung der Natur durch die Technik ist die Grundmotivation dieses Irrwegs.
Diese und weitere Gedanken gehen mir durch den Kopf, als ich den Vogel mit Suppengemüse, Lorbeerblättern, Thymian, Ingwer, Zwiebeln, Knoblauch, Pfefferkörnern, Weißwein und kaltem Wasser auf das Feuer stelle.

Juris

3 Stunden köcheln auf kleiner Flamme bündelt eine Menge Energie im Topf. Deshalb soll Hühnersuppe besonders gesund sein. Einen wissenschaftlichen Beleg hierfür gibt es meines Erachtens aber nicht. Nach Beendigung des Kochvorgangs trenne ich die Flüssigkeit von den festen Stoffen und studiere die Anatomie des Suppenhuhns. Ein Knochen nach dem anderen wird seziert und blank gelegt.

Den goldgelben Fond reichere ich mit frischem Gemüse an. Kartoffeln, Lauch, Brokkoli, Petersilienwurzel und Möhren koche ich vorsichtig gar. Das ausgelöste Hühnerfleisch und gehackte Petersilie vervollständigen meine Kraftsuppe.

Dazu probierte ich den 2006-er Chardonnay Altenberg (9 €) vom Weingut Juris aus Gols am Neusiedlersee. Der Wein ist im großen Holzfass vergoren und lagerte danach 6 Monate auf der Hefe. Im Glas präsentiert er sich strohgelb, in der Nase Netzmelone und Heublumen. Sehr saftig mit leckerer, an Nashi erinnernde Fruchtsüße. Feines Säurespiel, ordentliche Länge. 13,5 % Alkohol, 6,2 Gramm Restzucker und der konzentrierte Extrakt sprechen für sehr hochreifes und erstklassiges Lesegut.
Zur kräftigen Hühnersuppe zeigt sich der Chardonnay als ein durchaus gefälliger Gespiele. Nach einem Glas tritt aber schon eine deutliche Sättigung ein. Aber es ist ja auch noch genug Suppe da für die nächsten Tage.

Freitag, 21. Dezember 2007

Weihnachtsente für Kochrebellen

Der Entenvogel ist bestellt und wandert am Dienstag in den Bräter. Heiligabend halten wir es schlicht mit einer Fleischwurst vom Dorfmetzger und - natürlich - Kartoffelsalat. Ohne Mayo. Ich habe mir einst in einem zentraltoskanischen Spitzenrestaurant eine warme Variante mit Olivenöl, Gemüsebrühe, Cocktail-Tomaten, Meersalz, Pfeffer, frischem Salbei und Rosmarin abgeguckt. Zur Wurst gibt es Dijonsenf, und zwar die verschärfte Version aus schwarzen Senfkörnern. Auch bei Nasennebenhöhlen-Beschwerden sehr zu empfehlen.

Wie ich die Ente zubereite? Hier steht der in letzter Zeit wieder in die Kritik geratene Wolfram Siebeck Pate. Dem grauen Burgherrn, über dessen Alterswerke man sicher auch geteilter Meinung sein kann, verdanke ich meine Liebe zum Kochen. Als Dreingabe fundiertes Produktwissen und eine gute Portion Kritikfähigkeit, die ja wiederum vom Kennen und Können herrührt.

Siebeck
Der Weihnachtsmann? Nein! Wolfgang Siebeck, Burgherr und Kolumnist der Zeit

In den frühen 1980-er Jahren tobte nicht nur der Kampf zwischen Punks und Poppern, Feministinnen und Patriarchat, Polizei und AKW-Gegnern, sondern auch der Krieg am Herd. Saucenreduzierung, Butter und Sahne gegen Mehlschwitze und Mondamin. Bressehuhn gegen Wienerwald. Siebeck stand in dieser Zeit für eine neue Esskultur, mit Biss und Humor konnte er auch uns junge Rebellen auf seine Seite ziehen. Der Feldzug gegen starre Rezeptnachkocherei und das Anstacheln zum Experimentieren trugen elementar dazu bei, das ich das Kochen lernte! Ein Gefühl entwickeln für Gewürze und Zutaten, qualitativ wie quantitativ, das ist die Essenz der Handwerkskunst. Und das bedeutet die wirkliche Freiheit am Herd.

Nun aber zur freiheitlichen Abwandlung der Siebeckschen Ente mit Pflaumen. Über Nacht lege ich zwei bis drei Handvoll entkernte Trockenpflaumen in starkem schwarzen Tee ein. Am Festtag wird die gepfefferte und gesalzte Ente ordentlich in Öl angebraten. Es folgen etwa 15 Schalotten in den Bräter, nach ein paar Minuten lösche ich mit einem großen Glas Portwein ab. Jetzt gebe ich auch die Pflaumen dazu und würze mit zwei Nelken, dem zermörserten Inhalt von 3 Kardamomkapseln, etwas Zimt und einem Lorbeerblatt. Eine Chilischote darf auch mitschmurgeln, und zwar bei geschlossenem Topf und 180 Grad Celsius. Eineinhalb Stunden Garzeit sollten genügen, nach der Halbzeit ohne Deckel.
Der Weihnachtsspaziergang ist absolviert, kontrollierende Blicke in den Ofen sind Pflicht (notfalls Rotwein oder Brühe aufgießen, et cetera). Grande finale. Ich schmecke die Sauce mit Zitrone, Tomatenmark und Safran ab. Das Ergebnis ist ein unglaublich schmackhafter, dickflüssiger Brei, in dem sich die Pflaumen regelrecht aufgelöst haben. Als Beilage reiche ich Safranreis mit gerösteten Pinienkernen, Mild Madras Curry und Rosinen, die ebenfalls die Nacht in schwarzem Tee verbracht haben. Eine geniale Kombination zur Ente.
Welcher Wein passt zu dieser Geschmacksgranate? Klar, eine ebensolche! Syrah aus Australien oder von der Rhone, ein Brunello, alles kräftig-fruchtige aus dem Keller ist im Verdacht der richtige Partner zu sein. Das Bauchgefühl wird es mir sagen!

Fortsetzung folgt.

Dienstag, 11. Dezember 2007

Eine Nudel ist eine Nudel ist eine Nudel

Die Weinschmecker Nudeln lagen als Dreingabe im letzten Paket vom Wein-Plus Stammtisch. Laut aufgedruckter Zutatenliste ist die Pasta aus Hartweizengries, Frischei, Traubenzucker, Traubenkernmehl, Gewürzen und immerhin 10% Wein gefertigt. Da ich bislang an solchen Kreationen noch nicht wirklich den guten Geschmack fand, der vor allem auch den exorbitant höheren Preis rechtfertigen würde, gehe ich dementsprechend skeptisch ans Kochwerk.

NudelPackung

Schwarze Nudeln mit Sepia-Tinte, Rote mit Rübensaft und Chili, Grüne mit Spinatextrakt, Gelbe mit Safran und Kurkuma - alles wirklich farbenfrohe Versuche, aber gehören diese Zusätze nicht frisch in den Topf und auf den Teller? Mir flattern diese in schönes Verpackungsdesign gehüllten Produkte ja regelmäßig als Geschenk ins Haus, kaufen würde ich die nie - oder eben nur als Geschenk. Können mich die Weinschmecker Nudeln aus Rheinhessen eines Besseren belehren?

Kochloeffel

Bei einer Kostprobe nach etwa 5 Minuten im siedenden Wasser bin ich doch ein wenig überrascht: Die Nudeln riechen und schmecken tatsächlich nach Wein. Aber sie sind natürlich noch mehr als al dente. Also schön weiter köcheln lassen und abwarten. Nach weiteren 5 Minuten bestätigt sich meine leise gehegte Befürchtung. Die Nudeln werden gar und der Wein, oder besser gesagt dessen Aroma, verflüchtigt sich zunehmend.
In einer Beziehung habe ich allerdings jetzt sogar Glück gehabt, denn nun kann ich beruhigt den Rest meiner vor zwei Tagen gekochten Amatriciana-Sauce über die Pasta geben. Ein feines Weinaroma wäre bei diesem Synapsenknaller mehr als auf verlorenem Posten.

NudelnFertig

Die sehr bissfesten Eiernudeln überzeugen aber auch ohne den in die Atmosphäre entwichenen Wein. An frische, hausgemachte Pasta kommen sie sogar sehr nahe heran. Aber Zutaten mit stark flüchtigen Aromastoffen gehören einfach frisch in den Topf! Quod erat demonstrandum.
Die Amatriciana ist in meiner Küche immer gut für ein schnelles Mittagessen. Eine große Zwiebel, zwei dicke Möhren, ein Lorbeerblatt, leicht geräucherten Speck vom Schweinebauch und passierte Tomaten koche ich mit Olivenöl, Oregano, Thymian und Chili bis die Möhrenstückchen noch ordentlich Biss haben. Frischer Parmigiano aus Reggiano rundet das Mahl auf dem Teller für Auge und Gaumen perfekt ab.

Mittwoch, 5. Dezember 2007

Der Koch, der Werber, seine Heidi und ihr liebster Burger

Als ich vor ein paar Tagen im Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 48 auf eine Anzeige des Konzerns mit dem großen gelben "M" stieß, fühlte ich mich als Teil der Zielgruppe unmittelbar angesprochen:

McKlum
Heidi Klum und die Kraft der Imagination

Das teste ich, aber richtig! Unter realen Bedingungen mit echtem Wein im Glas und in Kerzenambiente. Und da es das nicht bei McDonald´s gibt, bringe ich es halt selber mit. Ohne Teller und Hut, zur feinen Gesellschaft zähle ich ja nicht.

Rund 10 Stunden vor dem ultimativen Test beendet ein Traum meine süsse Nachtruhe: Ich sitze im besagten Fastfood-Lokal und esse den Chicken Gourmet. Der Burger ist kross und saftig, die Sauce tropft nur so auf´s Plastiktablett. Ich sehe mich im Raum um und entdecke lauter mir bekannte Gesichter im Service. Ein Fastfood Restaurant mit freundlichem Tischservice! Doch da fällt mir schlagartig ein: Ich habe ja den Wein und die Kerze vergessen, verdammt! Mit großem Appetit wache ich auf, schreibe meine Erlebnisse nieder und schließe noch für ein paar unruhige Stunden die Augen.

Knappe 600 Minuten später: Ich betrete eine Filiale mit einem besonders großen gelben "M". Der Chicken Gourmet ist auf der Karte nicht zu entdecken. Es wird doch nicht ... ich frage die in Anbetracht der Mittagszeit gestresste Frau an der Kasse nach dem exklusiven Burger. Sie überlegt kurz. "Ja den gibt´s. Mit Bacon oder ohne?" Ich bestelle die Basisversion und denke: Ist der Chicken Gourmet Bückware? Auf dem Beleg stehen € 3,99 inklusive 26 Cent Mehrwertsteuer.

Zu Tisch, weg mit dem scheußlichen Plastiktablett, raus mit dem Glas, dem Wein und der Kerze! Einige Gäste an den umliegenden Tischen amüsieren sich auf Anhieb prächtig über den gebotenen Anblick. Ob der Restaurantmanager irgendwann auftaucht? Warten wir es ab. Für die richtige Stimmung entzünde ich die Kerze und fülle mein Riedelglas (für den Chicken Gourmet nur das Beste!). Der Augenblick der Wahrheit ist gekommen. Schmeckt mir der Burger so gut wie ich ihn mir zuvor erträumt habe? Guckt Heidi Klum nur für die Kamera so schmachtend auf die neueste Kreation der Bulettenschmiede? Hat sie niemals zugebissen?

Skeptiker
Ein skeptischer Blick ...

Reinbeissen
... und herzhaft zubeissen. Da guckst du!

Ganz im Gegensatz zum Fantasieprodukt aus dem Traum kommt der Burger sehr trocken daher. Das Brötchen bedeutet sicher einen Fortschritt in der Fastfood-Welt. Man ahnt sogar noch das gemahlene Getreide, aber besonders frisch wirkt es nicht. Obligatorisch ist die Panade um das fast geschmacksneutrale Huhn, das offensichtlich nicht aus Formfleisch besteht. Eine Scheibe Tomate, etwas Salat und eine an Mayonnaise erinnernde Sauce mit einem Hauch Knoblauchgeschmack sorgen für ein wenig Feuchtigkeit. Aber wo ist die Würze, der Kick?

Der Chicken Gourmet ist schlicht fad. Liebe Food Designer, warum nur so wenig Mut? Greift doch mal beherzt zu feinen Gewürzen und lasst die fischige Panade weg. Ne? Dann, liebe Werbestrategen, vergreift euch bitte nicht so leichtfertig an Begriffen wie "Gourmet" und "Feinschmecker". Laut der freien Enzyklopädie Wikipedia ist ein Gourmet "ein sachkundiger Genießer raffinierter Speisen und Getränke". Klar? Sonst wird das nie was mit den guten Ergebnissen bei der Pisa-Studie. Denn auch Geschmack bildet.

Der Wein zum Burger steuert dagegen zur Geschmacksbildung ordentlich was bei. Im Glas ein schönes Strohgelb. Saftig mit opulenter Frucht bei knackiger Säure, in der Nase etwas Quitte und Nektarine. Mango und Zitrusfrüchte im Mund, anständige Länge. Satte 14 % Alkohol, den der extraktreiche, fast schon ölige Wein aber bestens wegsteckt. Riesling, natürlich! In die Flasche gebracht vom bloggenden Kellermeister: Ein 2005-er "Alte Reben" vom Heidelberger Weingut Clauer.

Ach ja, im Laden mit dem besonders großen gelben "M" blieb ich vom Personal unbehelligt. Nach dem stilvollen Mahl pustete ich die Kerze aus, spülte das Glas auf der Toilette und packte alle Mitbringsel wieder ein. Dann trat ich wieder ins warme Sonnenlicht. Diesmal war es kein Traum.

Montag, 3. Dezember 2007

Der Hahn ist tot

Als der Hahn nach einem Leben mit reichlich Auslauf, Frischluft und artgerechtem Futter schön fett geworden war hieb ihm der Bauer mit der Axt den Kopf ab. Nach dem Ausweiden und Rupfen wechselte der Kopflose zweimal den Besitzer. Vom Dritten wurde er über Nacht in einer Paste aus glatter Petersilie, Thymian, Majoran, Chili, Ingwer, Honig, Meersalz und Olivenöl mariniert. Auch zwischen Fleisch und Haut des Vogels stopfte der Gourmand diese Mischung und verschloss anschließend die offene Bauchhöhle mit Zahnstochern.

Backhendl

Gemeinsam mit gewürfeltem Gemüse und einer Tasse konzentriertem Fond von einer weiblichen Artgenossin fand sich der nun lange schon vom Hahnengeist verlassene Geflügelkörper auf dem Grund eines Bräters wieder. Bei gnadenlosen 250 Grad Celsius im Ofen begannen die ersten zehn Minuten des Garprozesses. Mit aufgesetztem Deckel und auf 180 Grad Celsius reduzierter Hitze vergingen noch weitere neunzig Minuten, bevor dem Tier unter der Grillschlange zum wiederholten Male eins übergebraten wurde.
Schon eine halbe Stunde später wanderten die blanken Knochen des halben Hahns in eine braune Tonne, dessen Inhalt in naher Zukunft mittels Kompostierung dem natürlichen Kreislauf aller Dinge zugeführt wird.

Clavel

Begleitend tranken die Omnivoren vergorenen Saft von ausgequetschten blauen Trauben der Sorten Syrah (52%), Mourvedre (26%) und Grenache (22%). Der so zusammengesetzte 2006-er "Les Garrigues" (€ 7,50) der Domaine Clavel ist ein dunkelviolettes Konzentrat mit kräftigen, leicht bitteren Tanninen. Der Wein ist momentan absolut unzugänglich und zum Hahn ein glatter Fehlgriff. Die restlichen Flaschen kommen beim nächsten Gang in den Keller im Weinregal nach ganz unten.
Fortsetzung folgt: Die zweite Hälfte vom Federvieh wird heute Abend im Zusammenspiel mit einer Riesling Spätlese verspeist.

Donnerstag, 29. November 2007

Sauerkraut in Riesling Auslese

Aus dem Weinregal angelte ich gestern Abend einen 2001-er Riesling Auslese trocken "Laubenheimer Karthäuser" vom Nahe-Weingut Tesch. Ein Relikt aus dem Zeitalter des Naturkorkens, denn das Weingut ist vor einigen Jahren komplett auf Schraubverschlüsse umgestiegen.

EdgarAllanTesch
Nein, das ist nicht Edgar Allan Poe, sondern ein Ahne von Dr. Martin Tesch

In einer Blindverkostung hätte ich diesen Riesling sicher nicht als Auslese identifiziert, eher als gut gereiften Kabinett: Sattes Goldgelb in der Farbe, in der Nase eine deutliche Petrolnote, eine sehr an Zitrone erinnernde strenge Säure, kaum Frucht und ohne Länge. Was also tun mit dem Wein? Da ich sowieso Sauerkraut kochen will, gieße ich ein Drittel der Flasche in den Topf. Mit etwas Speck, Kümmel, Wacholder, gekörnter Brühe und einem Lorbeerblatt schmore ich das Kraut bei kleinster Flamme fast zwei Stunden lang. Dazu gibt es das beliebte Kartoffelpüree und (natürlich!) Nürnberger Rostbratwürste.

Wuerstl
Jetzt muss ein wenig Speck auf die Ripperl, die Fastenzeit kommt früh genug!

An den kleinen Würstchen mag ich besonders die Kräuterwürze, die vom Majoran dominiert wird. Das Sauerkraut war super lecker, der Riesling machte sich im und zum Essen ganz prächtig. Das ist deftige deutsche Küche für die kalten Tage, an solche Gerichte kann ich im Sommer nicht mal denken.

Der Schreiber

Lars2007-2

Lars Breidenbach
Texter, Winzer & Weinjournalist

XING

Frisch kommentiert

Klingt sehr spannend...
Klingt sehr spannend :-)
Wolf (anonym) - 13. Mai, 17:42
Die Unterschicht, also...
Die Unterschicht, also die Menschen, die unter dem...
Wolf (anonym) - 13. Mai, 09:56
Filme online abrufbar
Die 3 Filme sind jetzt auch online beim ZDFdokukanal...
LarsB - 13. Mai, 09:44
RosaRote Sonne
und ich kann Dir sagen, die Sache mit dem Wetter war...
Niko (anonym) - 9. Mai, 15:08
Tschuldigung!
beim Verfassen meines Kommentars auf den Fine-Artikel...
Iris (anonym) - 9. Mai, 11:00

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