Weingeschichte

Mittwoch, 7. Mai 2008

Eine Flasche Château Lafitte für 6.--

So steht es geschrieben in der Preisliste der Weingrosshandlung Wilhelm Meuschel jr. aus Kitzingen am Main, königlich bayerischer und herzoglich sächsischer Hoflieferant, erschienen im Januar des Jahres 1907. Teuerster Wein in dieser Liste ist allerdings ein Rheingauer Riesling: Der Steinberger Kabinett "Weisses Siegel" aus der damals königlich preussischen Domäne Kloster Eberbach für 20.- Mark die Flasche.

Preisliste1907

Aufgestöbert habe ich die über 100 Jahre alte Trouvaille im Antiquariat der Fuldaer Buchhandlung Ulenspiegel. Es lohnt sich doch immer wieder, nach alten Druckerzeugnissen in Sachen Wein zu forschen. Das schön gebundene, im Jugendstil-Design gestaltete Heftchen ist ein Stück Zeitgeschichte und enthält weitere aufschlussreiche Informationen.

Meuschel

Zum Beispiel die Verkaufsbedingungen: Zahlungsziel 4 Monate (!). Oder Sätze wie: "Erfreulich ist es, dass trotz der allgemein herrschenden Vorliebe für flüchtige Mosel auch die kernigen, weinigen, regelrecht gebauten Frankenweine immer mehr Liebhaber finden ... Ich empfehle die Liste einer wohlwollenden Durchsicht und zeichne mit vorzüglicher Hochachtung." Weinbeschreibungen wie "gut reüssiert", "brodig" oder "mit feiner Göhr" zeugen von der Weinsprache aus der Zeit vor den Weltkriegen.

Freitag, 17. August 2007

Außergewöhnliche Weinjahre (7)

Der letzte Teil der Serie berichtet vom Jahrgang 1811, in dem der legendäre „Kometenwein“ gekeltert wurde.

Himmel6

1811 (KM, B-J): erste Blüte am 7.Mai; am 24. Juni reife Trauben, Sommer fast ohne Regen; im August alle Trauben vollkommen reif: „Berühmtes, großartiges Weinjahr aller erster Klasse: seit 1783 wurde kein solch vortrefflicher Wein erziehlt, als wie in diesem Jahre; der Winter war sehr gelind, und ohne Eiß und Schnee schnell vorüber; das Frühjahr und mit demselben die Vegetation begann im Februar, im May waren die Weinstück in völlig Blüthe und die Trauben an Mariä Geburt völlig reif, auf Heinrich wurden die sogenannten Frühschwarzen gespendet.

(Quellen: [B-J] Friedrich von Bassermann – Jordan: Geschichte des Weinbaus 1923, [KM] Karl Müller: Geschichte des Badischen Weinbaus, 1953, [MD] Medard Barth: Der Rebbau des Elsass, 1958)

Donnerstag, 16. August 2007

Außergewöhnliche Weinjahre (6)

1762 (B-J): Erste Blüte 15. Mai, frühe Lese, teils Ende September. (MD): Herbstbeginn 20. September für die roten Trauben, für die weißen am 24. September.

1783 (MD): Ausgezeichneter Wein, der beste des Jahrhunderts. (B-J): Erste Blüte: 12. Mai. Im Juni und Juli immer duftige Luft und „Höhenrauch“, sodass man bei Gewittern keine Wetterwolken sieht; beständige Windstille ...Früher Frühling, dann überaus heißer und trockener Sommer. Im Juni während der größten Hitze so dicher Höhenrauch, dass man nicht eine Stunde weit sehen kann, die Sonne ist blutrot 6 Wochen lang. Die Leute glauben an das Ende der Welt und stellen hie und da die Arbeit ein.

Hoehenrauch

1794 (B-J): Rebblüte am 18. Mai.

1800 (B-J): Rebblüte am 18. Mai.

(Quellen: [B-J] Friedrich von Bassermann – Jordan: Geschichte des Weinbaus 1923, [KM] Karl Müller: Geschichte des Badischen Weinbaus, 1953, [MD] Medard Barth: Der Rebbau des Elsass, 1958)

Mittwoch, 15. August 2007

Außergewöhnliche Weinjahre (5)

1636 (KM): Rebblüte schon am 15. Mai; frühe Lese.

1718 (B-J, KM): Winter sehr kalt, am 27.April schwere Gewitter in der Pfalz, in 13 Kirchtürmen soll der Blitz eingeschlagen haben. Im Sommer fürchterliche Hitze (in Paris 36°), 9 Monate lang trockenes Wetter, die Weisen verbrannt, alles vertrocknet, Obstbäume mehrmals blühend, im Herbst alles wieder grün. Weinlese im September, am 8.10. schon alles gekeltert, die Gutedel waren schon am 24.7. reif. (MD): Außerordentliches Weinjahr. Herbst am 1. Oktober beendet.

Himmel4

1726 (B-J, KM): sehr kalter Winter, trockener heißer Sommer. Schnee auf Ostern (21.4.), vor Pfingsten verblüht, Ende Julie reife Trauben. Der Wein war noch nach 40 Jahren sehr gesucht.

1740 (B-J): strenger Winter, Kälte bis Mitte April. Am 25. Mai fallen die Schwalben von den Dächern, weil sie keine Nahrung finden. Ende Mai noch alles kahl. Erste Blüte der Weinberg am 18. Juli (!), Trauben werden nicht reif und sind dazu am 8., 9. und 10. Okt. noch erfroren. (KM): Rebblüte erst nach Mitte Juli, Trauben am 8. Oktober am Stock erfroren; in Schaffhausen: ziemlich viel Trauben, aber am 16. September alles erfroren, kein Wein. (MD): sehr strenger und langer Winter, Reben erfroren, Trauben kamen nicht zur Reife. An vielen Orten wird gar nicht gelesen. Dem scheidenden Jahr widmet ein Jesuit von Schlettstadt die Grabinschrift:

Hier liegt im Grab das 40.ste Jahr,
Das voll der Kält und Regen war,
Bracht sauren Wein und schlecht Frucht,
Starb endlich an der Wassersucht.

(Quellen: [B-J] Friedrich von Bassermann – Jordan: Geschichte des Weinbaus 1923, [KM] Karl Müller: Geschichte des Badischen Weinbaus, 1953, [MD] Medard Barth: Der Rebbau des Elsass, 1958)

Montag, 13. August 2007

Außergewöhnliche Weinjahre (4)

1475 (MD): sehr heisser trockener Sommer. Herbst vor dem 24.8. zu Ende

1540 (B-J): „der dürre Sommer“: so große Hitze, dass die Erde bist und man den Rhein an manchen Orten durchreiten kann. Heiß vom 22.2. an; von März an fast kein Regen. Am 5. April blühen die Reben, um Johanni (24.6.) reife Trauben. Um Batrholomäi (24.8.) beginnt die Weinlese. Da man hierbei die durch zu große Hitze vertrocknenten Trauben (Rosinen) hängen lässt und diese durch späteren Regen wieder aufquellen, herbstet man zweimal, der zweite Wein noch besser als der erste. Im Oktober zum zweitenmal Kirschen, Bäume blühen im Herbst nochmals und setzten Früchte an, die nicht mehr reif werden ...
(KM): vorzüglicher Wein, früher Herbst, z.B. schon Ende Juli, allgemein am 15. August. Beeren z.B. zu Rosinen zusammengeschrumpft; am 15.8. schon neuer Wein in Villingen ...

Himmel5

1634 (KM): Frühe Rebblüte um den 18.April. (B-J): Warm von Februar an, Blüte im April beginnend. Wein viel und gut, aber der Krieg verwüstet alles. Man kann nur Nachts und mit Lebensgefahr ablesen, was der Feind noch übrig gelassen. (MD): für den gesamten Abschnitt von 1632 – 1642: Krieg verhindert den Herbst. Das Elsass ruiniert.

(Quellen: [B-J] Friedrich von Bassermann – Jordan: Geschichte des Weinbaus 1923, [KM] Karl Müller: Geschichte des Badischen Weinbaus, 1953, [MD] Medard Barth: Der Rebbau des Elsass, 1958)

Samstag, 11. August 2007

Außergewöhnliche Weinjahre (3)

1343 (KM): Trauben am 8. September erfroren.

1347 (KM): Trauben am 3. September erfroren.

1420 (B-J): sehr gelinder Winter, im April Traubenblüte, im Mai große Trauben, Ende August Weinlese, in Heilbronn soll sie sogar 4 Tage nach Jacobi (=25.7.), also am 29.7. begonnen haben. (MD): frühe und gute Weinernte, am 22. Juli reife Trauben.

Himmel3

1465 (MD,KM,B-J): Reben sind schon im Mai verblüht.

1473 (B-J): sehr kalter Winter bis Fasnacht, sodass viele Weinberge erfroren, im Sommer außerordentliche Hitze, dass viele Brunnen versiegen und Flüsse (die Donau!) zu Fuß passiert werden können, im April blühen die Reben, im Juni Reife Trauben, im August Weinlese. Im Sept. und Okt. nach Regen wieder Baumblüte!!! (KM): ab 20 Juni 9 Wochen kein Regen, ungeheuere Dürre und Trockenheit, 9. August Herbstbeginn. (MD): Herbst am 24.8. beendet.

(Quellen: [B-J] Friedrich von Bassermann – Jordan: Geschichte des Weinbaus 1923, [KM] Karl Müller: Geschichte des Badischen Weinbaus, 1953, [MD] Medard Barth: Der Rebbau des Elsass, 1958)

Freitag, 10. August 2007

Außergewöhnliche Weinjahre (2)

1290 (B-J; KM): sehr gelinder Winter, Baumblüte um Weihnachten, Traubenblüte im April. Am 20. Mai Schneefall, strenge Kälte, Reben z.T. erfroren, warmer Sommer, viel und guter Wein.

1297 (B-J): Reife Trauben am 4. August, reichlich guter neuer Wein am 8. September.

1304 (B-J; MD): warmer Winter, trockenes sehr heißes Jahr, am 23. Juni reife Trauben. Kolossale Hitze, ohne Regen und heiß. Und: Milder, frostfreier Winter, heißer regenloser, Sommer, große Dürre. Vorzüglicher Wein, sodass man das Erzeugnis geringer Lagen dem Wein bester Lagen aus anderen Jahrgängen vorzog.

Himmel2

1328 (B-J): Sehr viel ausgezeichnet guter Wein; gelinder Winter, Bäume blühen im Januar, Weinlese an Jacobi (= 25.7.), Rebenblüte im April. Und: 14 Tage nach Jakobi Weinlese. (KM): Reben blühen schon im April, um Johannis (= 24.6.) reife Trauben, reicher Ertrag von ausgezeichneter Güte.

(Quellen: [B-J] Friedrich von Bassermann – Jordan: Geschichte des Weinbaus 1923, [KM] Karl Müller: Geschichte des Badischen Weinbaus, 1953, [MD] Medard Barth: Der Rebbau des Elsass, 1958)

Donnerstag, 9. August 2007

Serie: Außergewöhnliche Weinjahre (1)

Wir erleben in diesem Jahr ein außergewöhnliches Weinjahr und das ist sehr wahrscheinlich schon bald ganz gewöhnlich. Das Klima wird sich in den nächsten Jahrzehnten weltweit dramatisch verändern und das Treiben des Homo sapiens ist eindeutig die Ursache dafür. Diese Veränderungen sind auch schon längst im vollen Gange. Trotz alledem oder gerade deshalb ist es äußerst interessant zu wissen, welche Wetterextreme die Weinbauregionen schon im letzten Jahrtausend heimsuchten.

Himmel1
Das Wetter war auch vor 1000 Jahren schon reich an Kapriolen

Es folgen nun Berichte aus den Jahren 1000 bis 1811 (Quellen: [B-J] Friedrich von Bassermann – Jordan: Geschichte des Weinbaus 1923, [KM] Karl Müller: Geschichte des Badischen Weinbaus, 1953, [MD] Medard Barth: Der Rebbau des Elsass, 1958), zusammengestellt von meinem alten Lehrmeister und Diplom-Önologen Paulin Köpfer, dem ich hier für seine "Forschungsarbeit" und die Überlassung der Notizen sehr danken möchte. Den Anfang machen nun die Jahre 1186, 1208, 1228 und 1289. Zur Vergleichbarkeit der geschichtlichen Daten hier das langjährige Mittel (Region Baden): Blüte ca 10. – 12. Juni, Blüte in „guten Jahren“ wie 1993 und 2003: Anfang Juni, Blühbeginn 2007: 20.Mai. Von der Blüte bis zur Lese sind es rund 100 Tage.

1186 (B-J): so warm, dass im Januar schon Baumblüte, im Februar Apfelblüte, Weinlese im August

1208 (B-J): Rebblüte schon Anfang Mai

1228 (MD): Rebenblüte im April, Ende Juni reife Trauben, am 10. August Herbst zu Ende. (B-J): Es blüthen die Reben im April. Heißer Sommer, man konnte ein Ei im Sand sieden.

1289 (B-J): Sehr gelinder Winter ohne Schnee; das Laub blieb an den Bäumen, bis das neue um Weihnachten ausschlug, im Januar Baumblüte, im Februar Erdbeeren, April Traubenblüte, dann im Mai Frost und Schnee, der alles tötet, es schlägt aber alles wieder aus und wird wohlfeil. (B-J aus anderer Quelle (?)): Der Winter war warm ... vor Hilarii (= 13. Januar!) brachten die Weinstöcke Schösslinge, Blätter und Blüthen. Weinlese im August.

Anmerkung: Nicht berücksichtigt ist die Einführung des Gregorianischen Kalenders, in dem 10 Tage übersprungen wurden: In katholischen Gegenden 1582 (teils 1583): vom 4. Oktober auf 15. Oktober. In evangelischen Ländern 1700 vom 18.2. auf 1. März.

Der Schreiber

Lars2007-2

Lars Breidenbach
Texter, Winzer & Weinjournalist

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Frisch kommentiert

Klingt sehr spannend...
Klingt sehr spannend :-)
Wolf (anonym) - 13. Mai, 17:42
Die Unterschicht, also...
Die Unterschicht, also die Menschen, die unter dem...
Wolf (anonym) - 13. Mai, 09:56
Filme online abrufbar
Die 3 Filme sind jetzt auch online beim ZDFdokukanal...
LarsB - 13. Mai, 09:44
RosaRote Sonne
und ich kann Dir sagen, die Sache mit dem Wetter war...
Niko (anonym) - 9. Mai, 15:08
Tschuldigung!
beim Verfassen meines Kommentars auf den Fine-Artikel...
Iris (anonym) - 9. Mai, 11:00

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