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Mittwoch, 12. März 2008

Gänseblümchen zum Dessert

In den frühen 1980-er Jahren bildete ich mit ein paar Freunden so etwas wie eine lukullische Vereinigung. Wir fielen mit Vorliebe und unserem gesamten verfügbaren Kapital in die Top-Gastronomie des Münchner Umlands ein. Als Transportmittel diente ein klappriger VW-Bus, dessen Motor regelmäßig an jeder roten Ampel abstarb. Verschärft wurde dieses Problem dadurch, dass der Vierzylinder nur bei kräftigem Anschieben wieder zündete. Für das Sportprogramm bei einem Ausflug in ein mit Michelin-Sternen dekoriertes Restaurant im Voralpenland war also gesorgt.

Vor Ort gab es zwei Menus zur Auswahl: 4 Gänge für knapp 50 Mark oder 9 Gänge für rund 100 Mark. Wir entschieden uns, das große Menü mit zwei Gängen aus dem kleinen Menu zu verlängern und waren auch bei der Weinauswahl nicht knauserig.

Ich gebe zu, ich habe keinen Schimmer mehr, was wir an diesem Abend alles gegessen und getrunken haben. Genial ist es sicher gewesen. An die letzte Flasche des Abends erinnere ich mich aber noch sehr gut, obwohl ich an deren Inhalt gar nicht partizipierte. Denn zuvor hatte ich das falsche Streichholz gezogen und war nun gezwungen, mich mit Kaffee, Wasser und Eisenkrauttee zu vergnügen. Für eine Übernachtung vor Ort war unser Budget zu schmal, da wir lieber in schmackhafte Nahrungsmittel investierten. So fiel mir wegen eines zu kurzen Streichholzes die Aufgabe zu, den klapprigen Bus heimwärts zu steuern.

Bluemchen

Meine lieben Freunde zwangen sich also noch eine vorzügliche Flasche Barolo in den Hals, Käse und Dessert waren derweil längst verschlungen. Da fielen unsere verklärten Blicke auf eine kleine Blumenvase, die unseren Tisch verzierte. Der Kräuter- und Pflanzenexperte am Tisch referierte sogleich, das die darin enthaltenen Blumen durchaus essbar seien. Gesagt, getan. Ein Himmelschlüsselchen und Gänseblümchen nach dem anderen fiel der floralen Verkostung zum Opfer.

Da wir schon die Rechnung geordert hatten, betrat alsbald die Chefin des Hauses den Ort des Geschehens. Der nun folgende, kreisende Blick über die leere Blumenvase und auf unsere noch bewegten Kauleisten brannte sich sehr, sehr tief in meinem Festplattenspeicher ein.

Die Heimfahrt verlief relativ ruhig. Kaum waren wir in den VW-Bus eingestiegen, fielen meine Freunde schon in einen komatösen Schlaf. Zurück in der großen Stadt würgte ich an der ersten roten Ampel der Metropole den Motor ab. Es brauchte einige Zeit, die schnarchenden Genossen zu reanimieren. Während des Anschiebevorgangs zog eine Polizeistreife mit Blaulicht an der Szenerie vorbei und verschwand in der Nacht.

Mittwoch, 5. März 2008

Kapitulation!

An drei verschiedenen Weinen versuchte ich mich heute Abend und alle schmeckten gleich fies. Das große Übel dabei ist nur: es lag nicht am Wein. Eine frühe Pollenallergie setzte meinen Riech- und Geschmacksorganen schlicht zu heftig zu. Aus, vorbei, weiße Fahne, Kapitulation! Die nächsten Tage und Wochen werde ich also tatsächlich vollkommen weinlos verbringen.

Womit füttere ich nun mein liebes Blog? Muss ich kurzfristig zum Kochblogger mutieren? Die Allergie habe in den letzten Jahren mit strenger Diätkost gut in den Griff bekommen, eine Art von Heilfasten sozusagen. Ohne Zucker, Kaffee, Alkohol, Hefe, raffinierte Produkte - also nur Obst, Gemüse, Vollkorn-Erzeugnisse und Wasser. Fisch und Fleisch ab und zu, aber dann entweder gedünstet oder gekocht. Ist das prickelnder Blogstuff? I don´t know, not really!

Das Internet nach Skurrilitäten in Sachen Wein durchkämmen? Ne, das können andere wesentlich besser. Jetzt funkt´s im Frontallappen: Da gibt es doch ein paar prima Geschichten in meinem bisherigen Weinleben! Warum nicht mal einen Blick zurück werfen, wenn die Gegenwart kein Futter hergibt?

Das erste Erlebnis, dass mir dazu einfällt, ist die gemeinschaftliche Anbetung einer Flasche Chateauneuf-du-Pape. Ich wohnte zu diesem Zeitpunkt schon etwa 18 Jahre lang in meinem Körper und der Wein kostete im Supermarkt satte 16 Deutschmark. Im schummrigen Kerzenlicht saßen wir zu dritt auf einem Teppich um die Flasche herum gruppiert und hörten aus kühlschrankgroßen Lautsprechern Laurie Andersons Experimentalalbum "Big Science".

ChateauNeuf

Ob andere Drogen im Spiel waren, kann ich nicht mehr mit Sicherheit sagen. Es war auf jeden Fall das Vordringen in eine neue und gewaltig vielschichtige Dimension, die uns Teenies sehr andächtig werden ließ. Das ist nun mehr als zwei Jahrzehnte her und meine erste im Hirn festgebrannte Erinnerung an eine ganz besondere Flasche Wein. Dieser sicher durchaus passable Tropfen entflammte meine große Leidenschaft für den vergorenen Traubensaft. So konnten alle Chateauneufs, die ich später probierte, nicht an diesen EINEN heranreichen. Absolut no Chance!

Der Schreiber

Lars2007-2

Lars Breidenbach
Texter, Winzer & Weinjournalist

XING

Frisch kommentiert

Klingt sehr spannend...
Klingt sehr spannend :-)
Wolf (anonym) - 13. Mai, 17:42
Die Unterschicht, also...
Die Unterschicht, also die Menschen, die unter dem...
Wolf (anonym) - 13. Mai, 09:56
Filme online abrufbar
Die 3 Filme sind jetzt auch online beim ZDFdokukanal...
LarsB - 13. Mai, 09:44
RosaRote Sonne
und ich kann Dir sagen, die Sache mit dem Wetter war...
Niko (anonym) - 9. Mai, 15:08
Tschuldigung!
beim Verfassen meines Kommentars auf den Fine-Artikel...
Iris (anonym) - 9. Mai, 11:00

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